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Rumänien – Letzte Chance für "schwere" Kids

Dokumentarfilm 2007 MDR / „Journal Windrose“ / 5 min

Manuskript des Beitrages vom 11.03.2007 von Michael Lindenau Für schwersterziehbare Jugendliche sind pädagogische Projekte im Ausland oft die letzte Chance. Der Dessauer Bert Schumann leitet ein solches Projekt in den rumänischen Karpaten. Mit Erfolg! 15 Jugendliche haben die deutschen Ämter schon zu ihm geschickt. Und keiner von ihnen ist seitdem wieder straffällig geworden. Mit dem ersten Hahnenschrei fängt der Tag an. Im nachtkalten Wohnhaus, eine Heizung gibt es nicht, steht Christina mühsam auf. Die 16-Jährige aus Dresden kann sich etwas Zeit lassen. David und Julian sind heute mit dem Feuermachen dran. Es ist halb sieben Uhr morgens mitten in den rumänischen Karpaten. 7 Grad minus. Ohne Holz für den Küchenofen keine Wärme und kein Frühstück. Kein Komfort ohne Arbeit. Gewohnte Selbstverständlichkeiten existieren hier nicht. Letzte Chance Rumänien. Vier verhaltensauffällige Jugendliche aus Deutschland mit einer ähnlichen Biografie leben und arbeiten hier auf engsten Raum.

O-Ton: Christina aus Dresden "Mit 11 hat es angefangen, da bin ich in eine Clique reingerutscht, habe angefangen Drogen zu nehmen. Da bin ich ins Heim gekommen, da war ich ein Jahr. Bin dann dort rausgeflogen, wegen Schuleschwänzen und Abhauen und so 'ne Dinge. Dann bin ich in eine Mädchenwohngruppe gekommen, da kam ich überhaupt nicht klar, von dort aus bin ich für drei Monate in die geschlossene Psychiatrie gekommen und dann bin ich zu Pflegeeltern gekommen und da bin ich nur abgehauen und war überhaupt nicht in der Schule und dann haben sie gesagt, entweder du kommst wieder in die Psychiatrie oder probierst es halt im Ausland. Da hab ich gesagt, in die Psychiatrie will ich nicht noch mal, ich hab's erlebt, und da geh ich lieber ins Ausland!" Erst nachdem die Tiere versorgt sind, gibt es Frühstück. Bert Schumann leitet dieses Jugendlichen-Projekt in Rumänien seit fünf Jahren. Der studierte Sozialarbeiter aus Dessau hat schon vieles bewegt in seinem 49-jährigen Leben. War Geschäftsführer des diakonischen Werks in Fürstenwalde, hat sich um Flüchtlinge und Aussiedler gekümmert. Obdachlosen- Kinder- und Jugendheime geleitet. Vor fünf Jahren hat der Dessauer ein baufälliges Haus in den Karpaten gekauft, nach und nach ausgebaut und verantwortet individualpädagogische Maßnahmen für schwersterziehbare Jugendliche. Erfolgreich: Sie werden geschickt von den Jugendämtern aus ganz Deutschland:

O-Ton: Bert Schumann, Sozialarbeiter und Leiter des Projekts "Jedes Brett musste erst mal als Baum gekauft werden, dann im Gatter gesägt werden, dann hier mit den Pferden hochtransportiert werden und und und. Und das ist für mich der Reiz, hier zu leben mit den Jugendlichen und auch die Jugendlichen einzubinden in diese Arbeit, dass alles seinen Preis hat und nämlich auch Anstrengung kostet!" So lernen die Jugendlichen erstmals Anstrengung und Erholung im Wechsel kennen und nicht nur bloße Erholung als Flucht in die Sucht. Drogenkonsum und Verweigerung als vermeintliche Totalerholung! Eine Kutschfahrt auf den höchsten Berg im Tal steht auf dem Programm. Bert Schumann schreibt für jeden Jugendlichen ein Monatsprotokoll, dass er mit Fotos an die Jugendämter und Familien schickt. Es geht ausgelassen zu. Das Fernsehen ist da. Im Alltagsgeschehen der Jugendlichen etwas Besonderes! Dennoch bleiben auch in diesen Tagen jene fünf Gebote, die das Leben im rumänischen Nirgendwo prägen. Verboten sind: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Diebstahl, Arbeitsverweigerung und Drogen.

O-Ton: Christina "Am Anfang hab ich gedacht, dass man das gar nicht schaffen kann. Aber hier lernt man einfach nur Disziplin und Durchhalten. Man muss es schaffen, auch wenn man nicht will, man muss einige Dinge lernen, auch wenn es manchmal Scheiße ist, aber man schafft es! Ich find's gut, was er macht. Auf jeden Fall."

O-Ton: Julian "Wenn man hier gut mitmacht, dann hat man ein gutes Leben. Wenn man nicht macht, was die sagen, dann gibt es ordentlich Stress!" Dann stehen Nachtwandern mit einem schweren Rucksack oder Zusatzarbeiten auf dem Hof auf dem Programm. Keine Strafen, sondern gelebte Konsequenzen aus Verhalten, sagt Bert Schumann. "So ganz ohne Strafen würde es hier gar nicht funktionieren. Da würde jeder machen, was er will, da würde ich auch machen, was ich will." Unterricht. Erdkunde. Keiner der Jugendlichen hat einen Hauptschulabschluss. Bert Schumann und andere Lehrer helfen vorbereiten, denn nach dem ein- bis zweijährigen Aufenthalt in Rumänien gibt es eine Schulprüfung und in der Regel ein bestandenes Zeugnis. Vier rumänische Facharbeiter hat der Dessauer eingestellt. Sie sind für Tischlerarbeiten, Tierpflege und Landwirtschaft verantwortlich. Für die Jugendlichen sind sie zu Freunden geworden, können sich sogar auf Rumänisch verständigen. Ein Erfolg, denn in Deutschland waren die meisten ausländerfeindlich eingestellt:

O-Ton: Bert Schumann "Diese Jugendlichen kommen zu mir her und sagen, mit den Ausländern arbeite ich nicht. Das ist der Tenor zum Anfang bei fast allen und es ist schwierig ihnen klarzumachen, dass sie jetzt die Ausländer sind! Das hat eine gewisse Komik, aber mit dieser Komik ändert sich manchmal schon eine Meinung!" Abendbrot. Nichts besonderes, aber nach 12 Stunden eine Erholung. Christina hat noch einige Wochen vor sich, bevor sie nach Deutschland zurück darf.

O-Ton: Christina "Also, was ich am meisten hier vermisse, ist eine Badewanne und nachmittags einfach am Tisch zu sitzen und ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte essen und vorm Fernseher sitzen. Sonntags grad so, wenn man nichts zu tun hat!" Zu tun gibt es immer etwas: Letzte Pflicht am Abend: Die eigene Selbsteinschätzung. Selbstkritik - zu Beginn der Therapie etwas völlig Neues für die Jugendlichen. Alles verläuft in Phasen, weiß Bert Schumann. Ablehnung, Wutverhalten, Annahme und Vertrautsein. Alle hauen sie irgendwann ab. Doch nach zwei oder drei Tagen kommen sie wieder.

O-Ton: Bert Schumann "Deshalb gibt es ja erlebnispädagogische bzw. individual-pädagogische Maßnahmen im Ausland, weil da ist praktisch ein Zaun drumrum, nämlich die Landesgrenze. Die können sie nicht überschreiten, weil sie keine Ausweispapiere haben, wenn sie hier weglaufen. Insofern macht man ja so was, gestartet ist das mal auf dem Schiff und hat sich dann erweitert auf's Festland nämlich im Ausland, so dass Weglaufen, dem Entziehen der pädagogischen Maßnahme, die ja teuer bezahlt wird vom Jugendamt, und was bringen soll, dann eben nicht mehr möglich ist!" Immerhin. Von den 15 deutschen Jugendlichen, die in den letzen fünf Jahren hier betreut wurden, ist niemand strafauffällig geworden. Und wenn man bedenkt, dass ein Jugendgefängnisaufenthalt beinahe das doppelte von dem kostet, was für einen Tages- Aufenthalt hier in Rumänien bezahlt wird, sind solche Projekte eine Investition in die Zukunft, sagt Bert Schumann. Pünktlich wie immer geht um 22 Uhr das Licht aus. Manchmal kommen im Winter auch die Wölfe an die Wohnhäuser. Nicht weiter gefährlich, sagt Bert Schumann, denn der Wolf des Menschen, ist der Mensch. Nicht nur auf diesem Bauerhof in Rumänien.

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