Andere über uns

Projektbesuch im Projekt Maramureş

Bericht des Coaches
Marcel Kankarowitsch
Zeitraum: 01.02. – 09.02.2010

Der Besuch gliederte sich in folgende Bestandteile:

  • teilnehmende Beobachtung am Tagesablauf der Einrichtung
  • Erstellung von Arbeitsplatzbeschreibungen für alle Mitarbeitenden der Einrichtung
  • Einzelcoaching für den Jugendlichen Sebastian
  • Evaluationsgespräch mit der Jugendlichen Marina
  • Diskussion zum vorliegenden Konzeptentwurf Stand Januar 2010

Teilnehmende Beobachtung

Da sich der Projektbesuch insgesamt über einen Zeitraum von mehr als 8 Tagen erstreckte, können die Eindrücke und Wahrnehmungen in der Regel nur summarisch wiedergeben, wie in der Einrichtung gearbeitet wird, welche Beobachtungen zu den Beziehungen von Jugendlichen und Mitarbeitern gemacht werden können.

Die Baustruktur und der Ausstattungsgrad des Hauses ist gemessen an deutschen Standards eher gering. So gibt es nur ein Bad und alle Räume des Hauses sind mit Ofenheizung ausgestattet. Der zentrale Gemeinschaftsraum ist die Küche. Weiterhin wird der Unterrichtsraum gemeinschaftlich genutzt. Jeder Jugendliche hat sein eigenes Zimmer. Die der weiblichen Jugendliche liegen etwas separiert im 2. OG, was vermutlich einem besseren Schutz vor möglichen Übergriffen seitens der männlichen Jugendlichen dienen soll.

Auffällig war die über den gesamten Besuchszeitraum wahrnehmbare freundliche und entspannte Atmosphäre in der Einrichtung. Die Umgangssprache während der Tageszeiten 8.00 – 17.00 ist weitestgehend rumänisch, was den Sprachkenntnissen der Fachleiter geschuldet ist. Wie Sie mir erläuterten zum Konzept der anfänglich beabsichtigten „Irritation“ gehört. Der tägliche Schulunterricht (09.30 – 13.00 Uhr) findet in deutscher Sprache statt und bereitet auf den einfachen Hauptschulabschluss vor. Alle Jugendlichen nahmen am Unterricht regelmäßig und kontinuierlich teil. Der Unterricht ist praxisorientiert und nimmt die aktuelle Lebenssituation der Jugendlichen ebenso auf, wie er es möglich macht, sehr individuell auf den Leistungsstand der Jugendlichen einzugehen.

Der Tag für die Jugendlichen beginnt um 7.30 Uhr mit dem Aufstehen, der Körperhygiene und den persönlich wahrzunehmenden Aufgaben und Verrichtungen im Bereich der Hauswirtschaft, und Tierpflege. Die Aufgabenerledigung wird von den Fachanleitern bei deren eintreffen gegen 8.30 Uhr kontrolliert und ggf. Nachbesserungen veranlasst.

Um 9.00 Uhr gibt es für alle in der Einrichtung anwesenden Menschen ein gemeinsames Frühstück in der Küche. In dessen Verlauf werden die Tagesaufgaben präzise im einzelnen durchgesprochen. Im Rahmen dieser Frühbesprechung wurden auch Fragen der Pädagogik, und der Anforderungen aus dem Praxisbereich besprochen und zwar unter kontinuierlicher Beteilung der Jugendlichen.

Beeindruckt haben mich die Sprachkenntnisse der Jugendlichen, die den Gesprächsinhalten sehr gut folgen konnten. Auftretende Verständnisfragen wurden seitens der deutschen Mitarbeiter sofort geklärt.

In der Zeit von 09.30-13.00 Uhr fand an den Werktagen der Schulunterricht statt, der sich in der Regel in vier Blöcke á ca.45 min. mit jeweils einer Pause gliederte. Angebotene Fächer waren Mathematik, Geographie, Geschichte, Naturwissenschaften, Deutsch, Sozialkunde/ Politik, Ethik/ Religion. Das Leistungsehrmögen der Jugendliche war sehr unterschiedlich ausgeprägt, ebenso wie erkennbar wurde, dass die Vorkenntnisse der Jugendlichen eine weite Spreizung haben. Dies stellt große Anforderungen an die Lehrenden im bezug auf die Unterrichtsgestaltung. In den beobachteten Sequenzen ist diese gelungen. Äußerlich erkennbar war das daran, dass alle Jugendlichen während der gesamten Unterrichtszeiten anwesend waren und aktiv mitgearbeitet haben. Wenngleich erkennbar war welch große Anstrengung, mitunter Anspannung für den einzelnen dahinter steht.

13.00 Uhr wird ebenfalls von der gesamten Hofgemeinschaft das Mittagessen eingenommen. Das Mittagessen zieht sich nicht selten über die Zeit von 14.00 Uhr hinaus. Weil aktuelle Fragen der Arbeit, des Zusammenlebens, der dörflichen Gemeinschaft/Nachbarschaft oder der Wochenplanung eine Rolle spielen. Nicht selten sind hier weiter Gäste im Hause, die sich sichtlich wohl fühlen und den Kontakt zur Außenwelt deutlich machen. Diese Zeit erscheint besonders wichtig, als das hier Zeit für „alles“ ist.

Von ca. 14.00 – 17.00 Uhr sind die Jugendlichen mit den Fachanleitern in den einzelnen Werkbereichen eingeteilt. Sei erledigen Aufgaben der Hauswirtschaft, Tierpflege, Transport und Aufgaben in der Holz- bzw. Metallwerkstatt. Die Aufgaben werden hier nach Kenntnis- und Leistungsstand zugemessen und erfolgen in unterschiedlichen Graden der Selbstständigkeit, so wie in den Dienstbesprechungen vereinbart.

Gegen 18.00 Uhr findet ein gemeinsames Abendessen für alle im Hause verbleibenden Personen statt. Danach eine sog. „Abendrunde“, die min. ein pädagogischer Mitarbeiter mit den Jugendlichen durchführt. Hier bewertet jeder Jugendlicher und jeder Erzieher sich selbst vor den Anderen nach einer gemeinsam erarbeiteten Systematik. Die Hörenden haben Vetorecht. Dann werden der Tagesverlauf ausgewertet, aufgetretene Konflikte besprochen, und Freizeitaktivitäten geplant.

Es fällt auf, dass die Jugendlichen einen Großteil der Freizeit freiwillig miteinander verbringen. Sie diskutieren, hören Musik, schauen sich Filme (zwei DVD pro Woche) an. Vielfach wurde in der Zeit meines Besuches Schach gespielt. Das fand ich sehr beachtlich, wenn man die sonstigen geistigen Leistungen und das Konzentrationsvermögen der Jugendlichen ins Kalkül zieht. Kaum ein Spiel dauerte unter 30 Minuten. Es wurde völlig regelkonform gespielt und auch mit „Anstand“ verloren.

Der Ablauf am Wochenende unterscheidet sich in sofern von dem der Werktage, dass nur die unabweisbaren Aufgaben aus den Bereichen Tierpflege und Hauswirtschaft erledigt werden. Die gemeinsame Einnahme von Mahlzeiten erfolgt freiwillig (wer länger schläft oder nicht im Haus ist nimmt nicht teil). Jugendliche dürfen in Absprache die Stadt Viseu de Sus aufsuchen (8 km Fußweg). Sei sind zur verabredeten Zeiten zurück.

In der Zeit meines Aufenthaltes wurden die Verabredungen zu den Ausgängen von den Jugendlichen eingehalten. Es wurden keine Situationen von Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum wahrgenommen.

An dem Vorstehenden kann man wahrscheinlich bereits erkennen, dass es in der Einrichtung eine sehr klare Struktur in jeder Hinsicht gibt. Erwartungen der Mitarbeitenden an die Jugendliche sind klar formuliert, es existiert ein System von Privilegien und Sanktionen, die klar gehalten sind, so dass die Jugendlichen sie verstehen können. Die Jugendlichen nehmen dies als Geländer für ihre Entwicklung an, sind in der Lage, ihr Verhalten in diesem System zu reflektieren.

Die relative Abgeschiedenheit der Einrichtung macht es notwendig, dass Konflikte und Widersprüche innerhalb des Systems „Projekt Maramures“ ausgetragen und geklärt werden. Das Lernpotenzial dieses Settings ist für die Zielgruppe von allergrößter Bedeutung.

Die Haus- und Lebensgemeinschaft der Einrichtung ist ein weiteres Qualitätsmerkmal und für den erfolgreichen Prozess von besonderer Bedeutung. Hier entstehen und entwickeln sich Beziehungen die seitens der Mitarbeitenden stets auf Wohlwollen, Zuneigung, Ressourcen und Entwicklungsperspektiven der Jugendlichen basieren.

Sichtlich genießen die Jugendlichen, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen und versuchen die ihnen übertragene Verantwortung wahrzunehmen. Sie diskutieren als Partner über Lösungswege mit den Erwachsenen, behandeln diese respektvoll und gewaltfrei.

Der Personalschlüssel (9 Mitarbeitende sind für (aktuell) 5 Jugendliche da) ist herausragend und ein große Ressource der Einrichtung und des Konzeptes. So ist jeder Jugendliche im Blick, erfährt die Wertschätzung durch die Zusammenarbeit mit den Erwachsenen, genau so wie die Anforderungen, die an ihn gestellt und durchgesetzt werden.

Der 24-Stunden-Dienst wird derart abgesichert, dass jeweils zwei Mitarbeitende im Haus in der Zeit von 17.00 bis 07.00 Uhr anwesend sind. Der Dienst wird in einer Mischung aus Präsenz und Bereitschaftsdienst geleistet.

In dem gesetzten Rahmen können sich die Jugendlichen frei bewegen über Freizeitgestaltung und Taschengeldverwendung selbstständig entscheiden. Die Freizeitmöglichkeiten sind im Vergleich zu Einrichtungen in Deutschland eher gering. Das scheint für die Jugendlichen kein Problem zu sein. So wird z.B. ein Ausflug ins Internet-Café ein „Ereignis“. Das Suchtpotenzial dieses Mediums ist dadurch gegen Null reduziert.

Die Atmosphäre im Haus ist trotz der Strenge und Klarheit der Hausordnung entspannt, humorvoll und freizügig. Jugendliche und Mitarbeitende lachen gemeinsam, diskutieren oder streiten konstruktiv. Sie erleben Erfolge als Erfolge der Gemeinschaft und Niederlagen als Rückschläge für die Gemeinschaft.

Die Balance von partnerschaftlichem Umgang einerseits und Hierarchie andererseits bilden sich sowohl in den Arbeitsbeziehungen von Projektleitung und Mitarbeitern ab und genau so in den Beziehungen und der Kommunikation zwischen Jugendlichen und Mitarbeitenden.

Die Beziehungsangebote der Mitarbeitenden sind untrschiedlicher Qualität. Sie erfolgen von den Fachanleitern tendenziell eher auf de Ebene des „normalen“ menschlichen Umganges. Von Seiten der pädagogischen und therapeutischen Mitarbeitern mit hohem Fachlichen Anspruch und Ausbildungsstand und exzellenten Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung und Reflexion der eigenen Arbeit.

Die Aufgaben der Tierpflege werden von den Jugendlichen sicherlich als ein besonderes Element erlebt, weil sie hier in einem „sicheren“ Bereich ausprobieren können, wie es ist Zuwendung zu geben und dies beantwortet zu bekommen. Die Biographien der Zielgruppen-Jugendlichen sind von einer Vielzahl von Beziehungsabbrüchen gekennzeichnet, ebenso wie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen. In der Arbeit mit den Tieren erleben sich die Jugendlichen als stark, kompetent und fürsorglich, man könnte sagen „erwachsen“. Sie reflektieren ihre Arbeit und ihre Beziehungen zu den Tieren. Die Souveränität jedes einzelnen Jugendlichen im Umgang mit den Tieren war für mich als Beobachter beeindruckend. Auch über das notwendige Fachwissen verfügten die Jugendlichen und kennen Zusammenhänge und können diese erläutern.

Der Erfolg des Projektes dürfte in der gelingenden Mischung aus klaren Strukturen, einfachen Lebens- und Arbeitsbedingungen und einer hohen Dichte von Beziehungsangeboten und Begleitung liegen. Derin Hinblick auf deutsche Normative veränderte Bezugrahmen ermöglicht den Jugendlichen (völlig) neue Verhaltensweisen zu finden und zu erproben. Der Rahmen fordert sie und schützt sie in ihren massiven Verunsicherungen.

Für die Zielgruppe der schwer gestörten Jugendlichen mit gravierenden Sozialisationsdefiziten und erheblichen dissozialen Tendenzen ist die Arbeit in einem solchen System eine sehr erfolgversprechende Möglichkeit für pädagogisch-therapeutische Arbeit. Hier wird von den (oft geringen) Ressourcen der Jugendliche ausgehend eine Arbeit geleistet, die ein akzeptiertes Leben in einer Gemeinschaft ermöglichen kann.

Marcel Kankarowitsch Februar 2010

zurück

Presse & Medien

Die Beiträge können zur privaten Nutzung von uns angefordert werden.
zum Kontaktformular

Downloads

 

Casa de Copii | Valea Vinului 165 | 435700 Viseu de sus | Maramures | Romania Impressum